Damals in den Passagen mit Schildkröte – heute mit Smartphone

„Passagen“: der Titel zielt auf die wieder in Mode kommenden, überdachten Ladenpassagen und Einkaufsstraßen. Ausgehend von dieser städtebaulichen Eigenart des frühen neunzehnten Jahrhunderts wollte Benjamin, über Straßen und Warenhäuser, Panoramen und Weltausstellungen, über Mode, Prostitution und Reklame nachdenkend, eine „dialektische Feerie“ entwerfen und eine materiale Geschichtsphilosophie des kapitalistischen Zeitalters schreiben.“

So schreibt es Rolf Michaelis über das Buch der Blitze, die Passagen, von Walter Benjamin. Eine materiale Geschichtsphilosophie des kapitalistischen Zeitalters ist zugleich eine Beschreibung von Raum und Zeit und ihrer materiellen Gestaltung und ihren sozialen Gebrauchsweisen. In Deutschland haben wir – ähnlich wie in Frankreich – mehr als Malls, Einkaufsmeilen.  Eine Passage ist ein Durchgang, der Angebote bietet. Es ist ein Ort zum Verweilen und zum Wiederkommen. Es ist ein Ort, der wetterfest ist.

„All diese ursprünglichen Bedeutungsvarianten haben eine Gemeinsamkeit: Sie drücken einen Übergang aus, eine Schwelle, etwas, das zeitlich oder räumlich begrenzt ist. Die Passage als Bautyp, wie sie Ende des 18.Jahrhunderts in Paris entstand, schließt beide Merkmale ein. Sie ist als eigenständiges Gebäude räumlich begrenzt und ihre Besucher halten sich nur für einen begrenzten Zeitraum in ihr auf. Um einer Verwechslung vorzubeugen, spricht man im Französischen bei der Passage als Bautyp auch oft von passage couvert. In anderen Sprachen haben sich auch Worte durchgesetzt, „die eine spezielle Rezeption erkennen lassen“. Beispielsweise Arcade in England oder Bazar in Deutschland. Mit einer Passage bezeichnet man einen Verbindungsgang, der zwei belebte Straßen, die meist parallel zueinander verlaufen, verbindet. Der Verbindungsgang ist seitlich von Läden gesäumt. In den oberen Geschossen können Läden, Büros, Werkstätten und Wohnungen untergebracht sein. Unter dem kommerziellen Aspekt gesehen, ist die Passage ist eine Organisationsform des Detailhandels. Sie hat die Funktion, einen öffentlichen, vor Witterung geschützten Raum zu bieten, in dem Luxusgüter verkauft werden. Sie „ist immer ein selbstständiges Gebäude mit eigenem Grundstück“
Durch Einrichtungen, die der Unterhaltung dienen, wird die Attraktivität gesteigert. Die Passage, die häufig auch seitliche Ausgänge besitzt, hat zudem eine Verkehrsfunktion.“

So beschreibt es Kristin Schmeer und genau das ist die Örtlichkeit, um die es geht.

Darf man darin fotografieren?

Die Frage ist müßig im Zeitalter visueller Kommunikation, weil es sich immer auch um Verkaufswege handelt. Die Passage ist öffentlich zugänglich, es ist also nicht nur öffentlicher Raum aber sie ist oft mit öffentlichen Mitteln gefördert und dient einem wesentlichen öffentlichen Zweck, der Versorgung, des Umsatzes und als Treffpunkt. Und visuelles Sprechen über Waren ist heute sozialer digitaler Standard. Das Verbieten dieser Sprache würde heute den Zweck der Passage zerstören, zumal die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie heute auch dazu dienen, das Smartphone als soziales Unterscheidungs- und Zugehörigkeitsmerkmal zu nutzen. Man will es bei solchen Gelegenheiten zeigen und nutzen, denn es ist ein Konsumprodukt und passt daher genau dorthin wie ein Kleidungsstück. Mit einem Konsumprodukt Konsumprodukte zeigen ist genau das, was den Zweck ausmacht. Daher ist die Passage idealer Ort für diese Dinge.

Aber sie ist mehr. Sie ist der Ort, der den Fluss des Lebens in der heutigen Konsumgesellschaft auf vorteilhafte Art ausdrückt und sie ist genau die Art des Einkaufens, die die schöne Art sozialer Begegnung beinhaltet, die man beim Online-Shoppen niemals haben kann. Ich shoppe im sozialen Umfeld also bin ich! Sie ist der Gegenentwurf zum Online-Shopping. Umgekehrt gilt, da wo es keine Passagen gibt, ist Online-Shopping groß in Mode – warum wohl?

Sie ist natürlich durchgängig materieller Natur und nur so schön, weil sie Verkaufsprodukte hat. Sonst wäre sie ein Tunnel.

Das ist z.B. schön zu sehen beim aktuell umgesetzten Aldi-Konzept, das auch bei kaufland ähnlich ist. Dort wird das Tunnelerlebnis schon praktiziert. Engste Durchgänge damit Menschen nur möglichst schnell zugreifend einkaufen und die Läden wieder verlassen. Das ist die negative Form Einkauf zu erleben. Sie hat nichts mit großzügigen Passagen und Bewegungsfreiheit zu tun so wie es die Passagen als freundliche Einkaufsstraßen für bummelnde Kunden unter Einhaltung der Distanzzonen anbieten, die soziale Erlebnisse und Lebenszeit kombinieren. Bei Aldi und kaufland kann man nicht promenieren sondern nur flüchten.

Die Passage bringt dich stattdessen in eine anderes Verhältnis zur Zeit und damit auch zur Lebenszeit oder um noch einmal Rolf Michaelis zu zitieren, der Walter Benjamin zitiert:

„1839 war es elegant, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen. Das gibt einen Begriff des Flanierens in den Passagen.“

Und heute bei Aldi und kaufland wird man dann eher zu Speedy Gonzalez, der schnellsten Maus im irgendwo. Man wird gezwungen ohne Fluchtdistanz bzw. Distanzzonen einzukaufen obwohl dies eine biologische Grundkonstante ist, um sich wohlzufühlen. Dort wird nach meinen Erfahrungen sowohl die Intimzone als auch die persönliche Zone unterschritten.

Bemerkenswerterweise gibt es in einigen Passagen dann Läden von Lidl, Penny etc. die die dort vorgegebene großzügige Architektur akzeptieren und so (gezwungenermaßen?) ein besseres Einkaufserlebnis anbieten.

So sind i.d.R. Passagen auch ein positiver Maßstab für gutes Einkaufen und gute soziale Erlebnisse.

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